Die Geduldsprobe: Meadow Lark Lemon

Ich war noch nie besonders geduldig. Es trifft wohl eher das Gegenteil zu. Aber bei meinem letzten Bouldertrip in die Red Rocks, nahe Las Vegas, war dann doch das kleine bißchen Geduld der Schlüssel zum Erfolg.

Durch einen Kurzaufenthalt in Las Vegas 2011 kannte ich die Umgebung bereits und hatte das Bild einer typischen Wüstenlandschaft vor Augen: Sonne, Kakteen, Sand und viele rote Boulderblöcke (‚Red Rocks’). In den ersten beiden Tagen wurde diese Erinnerung der Realität genau gerecht. Vom Jetlag beeinflusst kletterten Kilian und ich am ersten Tag sehr wenig, am zweiten Tag bereits probierten wir die Züge vom berühmten „Meadowlark Lemon“. Doch nach einem Rasttag veränderte sich die Wüstenlandschaft, denn es begann zu regnen. In den höher gelegenen Schluchten legte sich eine dicke weiße Schicht über das Rot der Felsen und dies bedeutete erstmal Pause.

In einer Stadt wie Vegas fiel es uns nicht schwer vom schlechten Wetter abzulenken. Wir besuchten den „Cirque du Soleil“, gingen ins Kino, spazierten durch die Red Rocks,  fuhren zum Grand Canyon, wanderten zu natürlichen heißen Quellen, kletterten in einem nahegelegenen Kalkgebiet und warteten darauf, dass die Felsen trocknen würden. Trotz des vielseitigen Rahmenprogramms wollte ich nach einigen Tagen nur mehr eins: Bouldern. Doch die Felsen blieben nass und somit war weiterhin Pause machen angesagt.

In der Zeit des Wartens ging mir der Boulder „Meadowlark Lemon“ nicht aus dem Kopf. Ich hatte ja bereits die Züge probiert, konnte aber zwei davon nicht lösen und war irgendwie trotzdem motiviert ihn noch einmal zu probieren.

Nach 7 (!) Tagen warten und wandern war es endlich so weit und wir konnten wieder los zu den Boulderblöcken und zielstrebig gings zu „Meadowlark Lemon“. Es war klirrend kalt, doch das war uns nach so langer Pause egal. Kilian wollte den Sitzstart klettern während ich mir erhoffte, zumindest alle Züge des Stehstarts zu schaffen. Wir beide waren also überaus motiviert. Nach anfänglichen Zweifeln konnte ich tatsächlich alle Züge lösen und begann mit den Durchstiegsversuchen. Kilian kletterte den Sitzstart wie erwartet nach kurzem Prozess. Das wollte ich ihm mit dem Stehstart nachmachen, doch der Boulder warf mich ab. Einmal kletterte ich sogar bis knapp ans Top, dachte bereits an den Ausstiegshenkel, nur um mich auf der Matte wiederzufinden. Das war bitter, aber zumindest wurde mir klar, dass der Boulder machbar ist. Ich hatte noch einige vielversprechende Versuche, doch als es zu dämmern begann musste ich aufgeben. Und wieder hieß es erst mal warten, wenn auch nur für eine Nacht.

Bereits am nächsten Tag stand ich wieder vor dem Boulder. Nach einigen Anfangsschwierigkeiten schaffte ich den ersten Klatscher an die Kante, stellte die Leiste auf, setzte den Hook und kletterte den Boulder bis zum Top. Wie so oft wenn es läuft im Leben erfolgte der Durchstieg fast mühelos.

Die lange Schlechtwetterphase strapazierte meine Geduld, doch meine Motivation wurde eindeutig gefestigt. Und Erfolge die länger auf sich warten lassen halten länger an. Ich muss immer noch lachen wenn ich an das Bild denke als ich zufrieden am Top des Boulders sitze.